Wann fährt ein MS-ler in das heiße Andalusien?

 

Natürlich über Weihnachten und Silvester im Jahre 2004/05.

 

Da merkte ich schon, dass ich nicht sehr zu belasten war....aber das kam bestimmt, weil ich mich von der Grippe Anfang Dezember noch erholen musste.

In diesem Urlaub habe ich nicht ein Buch von den fünfen gelesen, die ich mitgenommen hab, nein ich habe geschlafen.

In Rondo wurde ich von einem LKW Fahrer angehupt, weil ich ihm nicht schnell genug über die Straße ging. Da hab ich lauthals geschimpft und meine Freundin meinte lachend:“ Der versteht dich eh nicht.“

Aber der LKW-Fahrer konnte auch nicht weiterfahren, weil ich schimpfend auf dem Zebrastreifen stand.

Jedes mal, wenn es mir nicht so hundertprozentig ging, dann hatte ich immer Sehprobleme, so auch jetzt.

 

Am Montag, den 9. Januar, fing ich dann wieder an zu arbeiten. Ich holte mir aber alle Termine für die Ärzte. Am Donnerstag, den 12. Januar, war ich beim Augenarzt und Neurologen. Tja, war nicht so berauschend und ich bekam Cortison in Tabletten und ........ einen Krankenschein

Nach 14 Tagen Krankenschein begann ich montags wieder um 8 Uhr an zu arbeiten. Um 10.15 Uhr meinte meine Arbeitskollegin: „Wie viel sind denn 7 ½ und 8 ½ Stunden?“ Die Gedanken schossen mir abrupt durch den Kopf: „Mein Gott, ich hatte doch Rechnen in der Schule gehabt, aber wie geht das?“

„Geht es dir nicht gut? Willst du nicht noch eine Woche zu Hause bleiben?“ sagte, erschrocken über meinen Gesichtsausdruck, meine Kollegin.

 

Ja, ich wollte und ging nochmals zum Hausarzt.

Am nächsten Morgen war ich dann zur Krankengymnastik und sollte meine erste Unterschrift auf dem neuen Rezept geben.

Auweia !!! Ein G geht wie ein Kringel, aber wie geht ein Kringel? Ich konnte nicht schreiben !!!!!

Als ich aus dem Parkhaus fuhr, da dachte ich nur: Aber ich kann doch lesen!?!?!

 

Mein Neurologe besorgte mir schon für den nächsten Morgen einen Termin fürs MRT und diese Untersuchung sagte alles. Neue Herde, genau da, wo das Sprach- und das Rechenzentrum liegen. So was Blödes, nun hatte ich doch schon fast 4 Jahre keine Schübe mehr.

 

Und nun? Abwarten und Tee trinken, wie es immer so schön heißt. Für mich sehr schwer. Meine Gedanken drehten sich nur noch darum, wie ich am schnellsten wieder auf die Beine komme.

 

So hab ich mit meinem Hausarzt geredet und eine Reha beantragt. Bereits am 8. März konnte ich in die gleiche Klinik wie schon 2003, was mich sehr freute.

 

Torkelnd, meinem Gleichgewicht nicht Herr, müde und schlapp kam ich in der Reha an.

 

Gleich in den ersten zehn Minuten schon konnte ich das Arztgespräch führen. Weil ich unter Cortison sehr schlecht schlafen konnte, schwatzte man mir ein Antidepressivum auf.

Dieses habe ich in voller Packung am Ende der sechs Wochen dem Pfleger wieder in die Hand gedrückt.

 

Das erste Gespräch mit der Psychologin war angenehm. Sie fragt mich unter anderem auch, ob ich hier mit einer Gewichtsreduzierung beginnen wolle.

„Ich bin hergekommen, um gesund zu werden und nicht zum Abnehmen!“ Dieser Satz hat sie wohl beeindruckt, denn wir haben später noch einmal darüber geredet. Ich war gekommen, um so schnell wie möglich wieder auf die Füße zu kommen, das war mein alleiniges Ziel.

 

Ich habe versucht, alle Therapien mit zu machen, dennoch musste reduziert werden, ich schaffte es nur sehr schwer, nacheinander die Orte zu wechseln um zu den Therapeuten zu kommen.

Diesmal war es anstrengend für mich, den Tagesablauf zu schaffen.

Ich hatte auch kaum mehr Kraft, nachmittags die Klinik mal zu verlassen, um im Kurpark spazieren zu gehen.

Ich hätte den Rückweg, der dann bergauf führte, nicht mehr geschafft.

 

Mal war ich zum Umfallen müde, mal sah mein Auge nicht, mal war die Therapie für mich eine Tortur.

Ich vermutete, dass ich erneut einen Schub bekam.

Jedoch sahen die Ärzte dies nicht so. Auch meine Bitte nach einem erneuten MRT wurde mit den Worten: „Man kann am MRT keinen Schub feststellen!!!“, abgeschmettert.

Ich quälte mich weiter.

 

Nach sechs Wochen Aufenthalt in der Klinik wurde ich entlassen.

In meinen Papieren wurde dem Hausarzt empfohlen, mich noch ein paar Wochen zu Regenerierung daheim zu lassen, um dann mit der Wiedereingliederung zu beginnen.

Aber es kam alles anders.

 

Drei Wochen später war der Schub so schlimm, dass meine Beine versagten und ich im Krankenhaus landete.

Hier stand dann der Herr Professor vor mir und meinte, ich sollte die Chemotherapie Mitoxanthron machen lassen. Das wurde strikt von mir abgelehnt.

"Sie wollen doch wieder laufen!" meinte der Professor.

"Ja, denn nur wenn ich laufen kann, dann kann ich auch arbeiten", meinte ich.

"Dann wechseln sie wenigstens auf Rebif 44!", meinte er.

Von mir wurde genau auch erst dieses strikt abgelehnt. Ich begann dann aber doch mit Rebif 44, einfach in der Hoffnung, um wieder auf die Füße zu kommen.

 

So hatte ich bereits bis zur Mitte des Jahres schon drei dicke Schübe hinter mir.

Und ich bekam noch zwei Schübe in diesem Jahr. Cortison war fast das ganze Jahr mein stetiger Begleiter. Mal als Stoßtherapie, mal zum Ausschleichen.

 

Dann kam 2006 gleich im Januar der sechste Schub und dieser war der unangenehmste.

Ich war komplett inkontinent. So konnte ich nur gezielt nach den spontanen Entleerungen aus dem Haus um evtl.  mich Lebensmitteln mit zu versorgen. Gott sei Dank habe ich ein gutes soziales Gefüge, dass sich wirklich meine Kinder und Freunde gut um mich kümmerten.

 

So ging ich ganz trotzig zu Erich, der bei der Rentenversicherung arbeitete und sagte:  "Mach meinen Rentenantrag fertig, ich unterschreibe".

Gesagt, getan und wieder nach Hause getrottet.

 

Ich musste dann noch zu einem Gutachter. Und acht Wochen nach der Antragstellung war ich unbefristet berentet.